Der Kern ist: die Verwandlung
„Wer den Himmel im Wasser betrachtet, findet die Fische auf den Bäumen." (chinesisches Sprichwort)
Meine sehr verehrten Damen und Herren, Kunstfreundinnen und Kunstfreunde, liebe Gäste,
„Der Kern ist: die Verwandlung" lautet der Titel der Einzelausstellung von Michael Senft, hier in der Artgalerie der Kunstgilde in Bad Bergzabern. Beeindruckend, wie der Künstler die Räume hier verwandelt hat und uns mitnimmt auf eine Reise durch seine, aber auch unsere eigene Fantasie.
Beim Rundgang durch die Ausstellung und Auseinandersetzung mit Senfts Werk kam mir ein chinesisches Sprichwort in den Sinn, das ich Ihnen keineswegs vorenthalten möchte: „Wer den Himmel im Wasser betrachtet, findet die Fische auf den Bäumen."
Vielleicht denken Sie an diese Worte, wenn Sie nachher durch die Räume schreiten und auf eigene Entdeckungsreise gehen. Ihnen werden Fische begegnen, die fast schwerelos durch den Raum zu schweben scheinen. Sie werden einen geflügelten Boten treffen, der gerahmte Nachrichten überbringt. Und wie Sie auf der Wand hinter mir bereits erkennen, können Sie auch ein Radrennen verfolgen mit Teilnehmern aus gebogenen Ästen.
Eins wird direkt klar: Senft beweist Fantasie und Einfallsreichtum! Er spielt nicht nur mit seinen Materialien, sondern arrangiert seine vollendeten Objekte auch äußerst wohlüberlegt. Das Ergebnis ist eine liebevoll kuratierte Ausstellung mit sorgfältig komponiertem Rundgang.
Der Titel der Ausstellung könnte nicht passender sein, denn Senft macht schnell deutlich, dass er selbst ein wahrer Verwandlungskünstler ist. Aus Druckplatten kreiert er Höllenhunde. Aus einem Raum inszeniert er ein Aquarium. Aus Papier lässt er durch Wachs Transparentpapier entstehen und aus Ästen werden besagte Figuren geformt. Er bedient sich hierbei unterschiedlicher Materialien – sein Herz schlägt aber wohl seit jeher vor allem für Holz.
Ausgehend vom Holzschnitt, beschäftigte sich der Künstler zu Beginn vor allem mit dem Erstellen von Druckplatten und mit der Erschaffung von grafischen Serien. Von diesen Druckplatten sind kaum noch Exemplare erhalten – in einer Art Upcycling-Prozess wurden die meisten von ihnen von Senft auseinandergesägt und zu neuen Objekten komponiert. Allen voran zu den bereits genannten Höllenhunden, die ihren Ursprung in der griechischen Mythologie haben. Doch entgegen des abschreckend wirkenden Kerberos, der, wie man in der Antike glaubte, den Eingang zur Unterwelt bewachte, damit kein Lebender herein und kein Toter herauskam, kommen Senfts Drachenhunde ein wenig freundlicher daher. Allein schon durch ihre Farbigkeit. Jeder von ihnen wurde individuell vom Künstler ausgearbeitet; lediglich das Grundprinzip gleicht sich weitestgehend. Insgesamt entstanden bereits über 100 Exemplare in unterschiedlichen Größen, Farben und eben auch Formen, die allesamt einen Alleinstellungscharakter innehaben. Seine Drucke wurden hierdurch zu Unikaten, schließlich raubte er ihnen durch die Zerstörung der Druckstöcke ihre Reproduzierbarkeit.
Auch die Radfahrer hier entspringen in ihrem Wesen im weitesten Sinne der griechischen Mythologie. Schließlich handelt es sich hierbei um sogenannte Chimären – also um Mischwesen. Halb Mensch, halb Fahrrad; vereint in einer geschwungenen Figur, die sich selbst antreibt. Ein Paradoxon? Vielleicht aber auch eine humorvolle Betrachtung und ironische Interpretation eines Radrennens?
Senft berichtet, dass die Grundlage für seine Radfahrer ein Urlaub am Lago Maggiore war. Während des Italienaufenthalts kam die Initialzündung, in Bäumen Figuren zu entdecken und aus Ästen neue Dinge zu formen. Ein Radrennen vor Ort inspirierte den Künstler bei Espresso und Eis schließlich zu seinen Radfahrern und zur ersten Form, die er von null auf selbst entwickelt hat – und auch bis heute noch weiterentwickelt.
Senft schrieb einen eigenen kurzen Text zu seinen „Astwerken":
„Äste liegen am Boden, abgebrochen und trocken. / Sind für nichts und niemanden mehr nützlich, / oder doch? / Irgendwann bilden sie den Humus / für den Baum / von dem sie stammen. / Ein Spaziergänger geht vorbei. / Hat es nicht eilig, ist im Urlaub. / Sieht nicht Äste, sondern Linien. / Sieht nicht Rinde, sondern Haut. / Formt aus den Linien Figuren / verbindet diese mit Pflanzenhaut. / Manche schweben, / andere sitzen auf einem Sims, / wieder andere / stehen auf einem Sockel. / Jetzt leben die Äste wieder. / Als Humus für den Geist von Spaziergängern." (Senft 2009)
Senfts Liebe zum Holz wird deutlich, wenn man sich mit ihm über seine Arbeiten unterhält, vor allem aber auch, wenn man ihn beim Umgang mit seinen eigenen Werken beobachtet. Liebevoll streicht er über die von ihm umgeformten Äste und Reben. Fast schon zärtlich berührt er seine Skulpturen, während er mehr über deren Entstehungsgeschichte verrät. Seine Holzobjekte dürfen bei der Auseinandersetzung auch von den Betrachtenden vorsichtig angefasst werden. Ihm ist das „Echo des Materials", wie er persönlich sagt, besonders wichtig. Durch die Haptik entsteht ein Gefühl, das in ihn selbst übergeht.
Mit Ausnahme der bereits genannten Druckplatten, die zumeist aus weichem Pappelholz bestehen, greift Senft ausschließlich auf Fundstücke zurück, auf die er bei seinen Streifzügen durch die Natur stößt. Er liest Hölzer vom Boden auf und arrangiert diese durch geschicktes Aneinandersetzen zu neuen Wesen. Ohne das Material abzusägen, schleift er im nächsten Schritt seine vorgefundenen Errungenschaften, säubert sie, kaschiert und beizt sie und verleiht ihnen durch Antikwachs einen matten Glanz. Das Kaschieren mit Zeitungspapier ist besonders bei seinem Boten ein nettes Detail, da es wunderbar zum Thema des Nachrichtenüberbringers passt. Die Nachrichten, auf denen der geflügelte Kurier eilig voranschreitet, können sich ändern – schon viele Drucke und Zeichnungen von Senft trug sein Bote bereits mit sich. Hier in Bad Bergzabern sind es Eindrücke aus Italien: aus einem fast verlassenen Dorf in den Bergen unweit des Comer Sees. Einige Figuren und schemenhafte Anlehnungen an Architektur lassen sich noch erahnen; der Rest ist unseren eigenen Assoziationen überlassen.
Nicht immer sind Senfts Arbeiten klar betitelt; gerne lässt er uns als Betrachterinnen und Betrachter noch viel Spielraum für eigene Interpretationen und Reflexionen übrig. Wir sollen oft auch einfach unvoreingenommen die Werke und Wesen betrachten. Denn obwohl Senft selbst ein wunderbarer Geschichtenerzähler ist, interessiert er sich auch für die Geschichten seiner Gäste und tritt gerne mit ihnen über seine Arbeiten in einen Dialog. Gute Kunst soll in seinen Augen Neugierde wecken und Lust hervorrufen, sich näher damit befassen zu wollen. Die Objekte sollen Senft zufolge gute Laune machen und die Fantasie anregen. All dies trifft auf seine Objekte vollends zu!
Aktuell befasst sich der Künstler bevorzugt mit Tuschzeichnungen. Auch aus seinen neuesten Serien sind heute Arbeiten zu sehen. Deren Grundlage bilden Papierstreifen, die übereinandergelegt wurden. Der untere bemalt mit Tusche, der darüber liegende in Wachs getaucht. Aus Papier wird durch den Materialmix Transparentpapier; eine dezente Naht vollendet die Komposition. Mal ganz unauffällig, mal etwas wilder und humorvoller. Ein zufälliges Spiel aus Durchblicken und verborgenen Stellen entsteht. Nur der Wachsauftrag entscheidet über die Partien der Tuschezeichnung, die offengelegt werden und die, die verdeckt bleiben.
Ein zweiter Blick lohnt sich. Gehen Sie also mit offenen Augen durch die Ausstellung und lassen Sie Ihre Fantasie spielen. Entdecken Sie Ihre eigenen Geschichten und treten Sie in den Dialog. Vor allem aber: erleben Sie inspirierende Augenblicke.
Ich bin mir sicher, auch Sie werden dann Fische auf den Bäumen sehen.